Essay zur Vergänglichkeit

Ursprünglich entstanden ist das philosophisch angehauchte Essay Ende 2007.Es sollten die Gedanken über Vergänglichkeit und unser temporäres Dasein relativ spontan niedergeschrieben werden. Ein Absatz zur Inspiration war gegeben:

Ich komme gut damit zurecht, dass ich vergänglich bin und das, was ich schreibe, auch: total vergänglich. Meine Kinder werden einmal weg sein und ihre Enkelkinder auch, mein Hund wird tot sein und die Kinder des Hundes auch. Das macht mir nichts, so gehört es sich ja auch. Aber was mir wirklich Angst macht, ist, dass in Millionen von Jahren die Sonne die Erde schlucken wird. Sie ist so einzigartig! Wozu das alles, wenn die Erde untergehen wird? Die Literatur, die Musik, alle Gebäude, alles weg. Diese Vorstellung macht mir in der Tat große Bange.
(Irene Dische, Schriftstellerin, in: Chrisman, Heft 3/2006, S.29)

Ein paar Tage nach Weihnachten passiert es wieder: Fotos werden entwickelt, geordnet und eingeklebt. Das ist nichts anderes als der verzweifelte Versuch sich gegen die Vergänglichkeit zu wehren. Momente sind vergängliche Zeiträume, möchte man meinen. Seit Menschengedenken versucht man diese Momente festzuhalten. Das kann durch Bücher, Videos oder Musik geschehen. Ganz deutlich wird der Versuch vergängliches festzuhalten bei der Fotografie – was sonst würde den Boom bei den digitalen Kameras ausgelöst haben?

Doch von Zeit zu Zeit erwischt sich der eifrige Fotograf dabei Phrasen wie „so war das aber nicht“ zu murmeln. Bemängelt wird hier weniger das Bild als solches, sondern die ärgerliche Tatsache für den Menschen das er Momente, also Geschehenes, nicht erneut – in genau der gleichen Form – wiedergeben kann. Selbst wenn es gelingen würde ein Medium zu entwickeln, das es vermag alle Sinne wiederzugeben (also nicht nur das Sehen sondern auch Geschmack und Gefühle), so wird es dem Menschen nicht so vorkommen als wäre es eben dieser Moment, da er komplett aus dem Zusammenhang herausgerissen erscheint. Man müsste also sein Leben noch einmal unter genau den selben Voraussetzungen und Umständen durchlaufen um den Moment wieder erleben zu können. Ob es dieser Moment wert ist?

Dies mag sich zunächst sehr abstrakt anhören, was hat Fotografie mit der untergehenden Sonne zu tun, was sollen diese Momente alles mit dem Beispiel zu tun haben. Nun, in dem Zitat stellt die Autorin allesamt vergängliche Dinge gegenüber, so hat sie Angst vor dem Untergehen der Sonne – die Vergänglichkeit des Lebens scheint ihr jedoch eher Trost zu spenden. Nichts anderes macht ein Fotograf. Er versucht mit der Vergänglichkeit zu spielen, wie jeder Mensch.

Bei der Gegenüberstellung wird klar, dass der Mensch Paradox handelt. Bei manchen Elementen wünscht der Mensch das dieses Element nicht vergänglich sei, bei anderen wünscht sich der Mensch die Vergänglichkeit als eine Art Trost herbei.
Dabei ist den Menschen klar, dass all dies vergänglich ist. Ober vielleicht doch nicht?
Beispielsweise, wenn ich heute sterben würde, wäre ich dann von der Vergänglichkeit verschluckt worden, wie es im obigen Zitat dargestellt wurde? Ich denke nicht. Ich werde beerdigt, bestattet oder begraben. All diese Begriffe umschreiben nur dass ich ein Spur hinterlasse, sei es als Rauch, Staub oder Erde.
Ich verschwinde also nicht, nur meine Erscheinungsform verändert sich. Wie unbedeutend oder bedeutend diese Form gegenüber des vorigen Lebens seien mag ist vollkommen unbedeutend. Was hingegen wirklich rational vergänglich ist, scheint also die Erscheinungsform zu sein. Ich wage es zu bezweifeln das es irgendetwas gibt, das keine Spuren hinterlässt. Selbst jede noch so kleine Bewegung hinterlässt Spuren, materielle Dinge ohnehin. Auch immaterielle Dinge, wie Werte/Glauben und Geschichten sind nicht vergänglich, sie hinterlassen Spuren und verändern nur ihre Erscheinungsform. Ein großer Teil der heutzutage erscheinenden Bücher ist nicht mehr als eine abstrakte Neuauflage von etwas zuvor bekannten, was keineswegs abwertend gemeint ist.

Spielt diese Vergänglichkeit für den Einzelnen eine Rolle? Mutmaßlich ja: Wir versuchen, wie beschrieben, erwünschte Momente wiederzugeben, während wir unerwünschte verzweifelt als Vergänglich zu deklarieren versuchen. Wenn man davon ausgeht, dass jede Erscheinungsform ein Bewusstsein besitzt, dann kann man davon ausgehen, dass dieses Bewusstsein sich permanent verändert. Der Tod von jemand uns nahe stehendem, wird uns vermutlich lange im Bewusstsein bleiben, wenn auch nicht immer im Fokus. Das Leben fokussiert nahezu immer das „Hier und Jetzt“, die Veränderungen der Erscheinungsformen wird also nicht unbedingt immer realisiert. Gerade langsame Veränderungen werden fast nicht wahrgenommen, während plötzliche Veränderungen sofort fokussiert werden.
Wenn jemand eine Scheibe in der Fußgängerzone einschlägt, so wird er bestraft, während er nach meiner These (es gibt keine „absolute“ Vergänglichkeit) ja gar kein Verbrechen begangen hat. Das Fenster existiert ja noch, schließlich ist nichts Vergänglich, es wird nur die Erscheinungsform modifiziert. Die Änderung dieser Erscheinungsform ist jedoch insgesamt in der Gesellschaft nicht erwünscht. Nun wird der Verbrecher also für sein – in der Gesellschaft nicht erwünschtes Verhalten – bestraft. Sein Bewusstsein fokussiert sofort die plötzliche Veränderung von Freiheit zu Freiheitsentzug, diese Veränderung ist von ihm ebenfalls nicht erwünscht. Das seine Strafe vorübergeht dürfte ihm im „Hier und Jetzt“ relativ egal sein.

Was bedeutet das? Nicht weniger als die Erkenntnis, das weder absolute Vergänglichkeit noch absolut Unvergängliches existiert. Das was uns umgibt ist einer relativen Vergänglichkeit unterworfen. Dinge verschwinden nicht, so verglüht die Sonne zwar, doch diese ändert wie allen anderen Dinge auch ihre Erscheinungsform. Das gleiche gilt für immaterielle Dinge wie Märchen und Wissen, auch diese sind einer zeitlichen Veränderung unterworfen. Sie verschwinden nicht. Das Einzige das wirklich Vergänglich ist, ist die einzelne Erscheinung – doch diese ist dadurch das aus ihr andere, neue Erscheinungsformen entstehen sozusagen potentiell unsterblich. Damit wäre das Leben ewig und nur durch die verschiedenen unbeständigen Erscheinungsformen geprägt.

Das widerspricht dem Zitat von Irene Dische. Sie fasst die einzelnen Schicksale als einem größerem, dem Verglühen der Sonne unterworfenem, an. Diese werden – zumindest in dieser Passage – als absolut vergänglich dargestellt.
Wenn man wirklich davon ausgeht das alles Vergänglich ist, dann folgt daraus das man an den Dingen nicht festhalten darf, da diese zwangsweise mit Verlust verbunden sind. Da Verlust meistens als Schmerz empfunden wird, müsste das Leben demnach von Leiden geprägt sein. Während man jegliche Form von Leiden möglichst vergessen und loswerden will, so versuchen Menschen nur als zu gerne am Leben festzuhalten.
Das ist nicht unbedingt widersprüchlich, es zeigt nur wie schwer es ist zu entscheiden ob der „Tod“ – wie in der westlichen Welt dargestellt – überhaupt besteht. Es wirft Fragen zum Sinn des Lebens auf und zuletzt auch warum man sich nicht an materiellen Dingen orientieren sollte.
Eine Antwort auf all diese Fragen wäre ohnehin von der zeitlichen Veränderung untrennbar.