Klausur zu Sprachmodellen

Textgrundlage der Deutsch-Klausur war Johann Gottfried Herders Abhandlungen über den Ursprung der Sprache. Diesen kann man auch online im Gutenberg-Projekt betrachten. In der Klausur lag eine recht stark gekürzte Fassung vor.

Analysiere den Text, stelle dabei auch den Argumentationsgang dar.

Johann Gottfried Herder stellt in seiner „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ eine Hypothese zur Entstehung der Sprache auf. So ist laut Herder die Sprache selbst vom Menschen erfunden, da dieser so Herder in der Lage sei, Begriffe selbstständig durch „Reflexion“ zu formen. Dabei soll allerdings die Seele so frei wirken können, dass der Mensch sämtliche Empfindungen über alle Sinne wahrnimmt und diese Empfindungen später wiedergeben könne. Dies allein zeichnet nach Herder jedoch noch nicht die Sprache aus, laut Herder muss der Mensch nicht nur durch seine eigenen Sinne Eigenschaften von fremden Dingen erkennen, er muss zudem die eigenen Eigenschaften „anerkennen„.

Diesen Argumentationsgang stellt Herder mit Hilfe des Begriffspaars „Reflexion“ und „Sprache“ dar, mit dem er auch den Text(-ausschnitt) einläutet. Der Autor stellt die Unterscheidung der Begriffe „Reflexion“ und „Sprache“ der eigentlichen Definition voran und bleibt somit abstrakt. Erst danach definiert Herder den Begriff „Reflexion“ und seine weiterführende Bedeutung.

Im weiteren Verlauf der Abhandlung erläutert Herder, weshalb die Entwicklung der Sprache natürlich vorbestimmt sei und gibt dafür ein erstes Beispiel:

Der Mensch ist also als ein horchendes, merkendes Geschöpf zur Sprache natürlich gebildet, und selbst ein Blinder und Stummer, siehet man, müßte Sprache erfinden, wenn er nur nicht fühllos und taub ist.

Mit diesem Beispiel stellt Herder einen Bezug zu seinen vorhergegangenen Hypothesen auf und verdeutlicht die zentrale Bedeutung. So ist dem Beispiel zu Folge die empirische Sinneswahrnehmung von entscheidender Bedeutung, schließlich muss sich dem Beispiel zur Folge der Mensch nicht ausdrücken können um Sprache zu entwickeln, es reiche so Herder, schon die Wahrnehmung alleine.
Da Herder jedoch der Sinneswahrnehmung eine zentrale Rolle zukommen lässt, hängt die Entwicklung der Sprache auch entscheidend von ihr ab. Dies veranschaulicht der Autor in einem weiteren Beispiel, indem er die Geräusche von verschiedenen Dingen beschreibt und anschließend fragt, wie arm und sonderbar aber müßten die Vorstellungen sein, die dieser Verstümmelte mit solchen Schällen verbindet.
Im letzten Abschnitt hingegen kehrt Herder das zuvor genannte Beispiel um und beschreibt wie stark seiner Meinung nach der Mensch dazu vorbestimmt ist Sprache zu entwickeln. So sei die Natur selbst „Sprachlehrerin und Muse“ und die Lebewesen „trögen den Namen auf der Zunge„. Schließlich kommt Herder zu der Schlussfolgerung, dass die Sprache eine Erfindung des Menschen aus „Tönen lebender Natur“ sei.

Erörtere die Standpunkte Herders kritisch vor dem Hintergrund der dir bekannten Theorien zum Thema Sprache – Denken – Wirklichkeit

Herders zentrale Standpunkte stehen im unmittelbaren Gegensatz zur Whorf-Hypothese. So formt die Grammatik an sich in der Whorf-Hypothese maßgeblich die Sprache. Laut dieser Hypothese gliedert der Mensch die Natur nur soweit in Sprache auf, wie es selbige zulässt; die Sprache forme also die Gedanken – nicht umgekehrt. Dabei geht Whorf so weit, dass er davon ausgeht, dass ein linguistisches Relativitätsprinzip herrscht; daher ein Mensch kann die Natur nie völlig unabhängig beschreiben. Ein Mensch sei laut Whorf-Hypothese nie dazu in der Lage mit der Sprache selbst die Natur objektiv zu beschreiben, sondern nur soweit wie es seine Sprache zulässt. Laut Johann Herder ist nun die Besonnenheit des Menschen dafür verantwortlich, dass er die Natur unabhängig beschreiben kann. So kann Herders Hypothese zur Folge der Mensch gar nicht durch Sprache in der Beschreibung der Natur eingeschränkt werden, da die Natur dem Menschen die Wörter quasi vorgibt und der Mensch die Sprache mit Hilfe der Reflexion formt.

Hypothetisch:
Des Weiteren müsste laut Herder die Verständigung zwischen den Menschen recht unproblematisch sein, sofern sie ihre Sinne frei entfalten können, da sie selbst nur die Natur aufgliedern und diese mit Hilfe ihrer Reflexion wiedergeben. Problematisch dürfte laut Herder nur eine Verständigung sein, wenn die Sinne körperlich eingeschränkt sind; sodass die Aufgliederung der Natur gar nicht mehr funktionieren kann.

Im Gegensatz dazu ist der Austausch über Sprachgemeinschaften bei der Whorf-Hypothese problematisch weil die schon existierende Sprache das Denken vorgibt. Dieses Problem zeigt sich auch bei der Betrachtung anderer Sprachmodelle. Saussure stellte die These auf, dass die Bezeichnungen für Gegenstände innerhalb von Sprachgemeinschaften willkürlich sind und nicht von der Natur vorgegeben sind. Dies erscheint einleuchtend, schließlich gibt es nicht nur eine Sprache sondern eine wahre Sprachvielfalt. Keine davon ähnelt sich so sehr, dass man von einer Ableitung der Natur reden könnte, wie der Text es suggeriert. Eine Ausnahme könnten jedoch Wörter bilden, die den Lauten nachempfunden sind. Man kann jedoch nicht davon ausgehen, das jede Sprachgemeinschaft zwangsläufig Wörter einem Laut nachempfindet.
Johann Herders Thesen sind also nicht ganz abwegig, jedoch im Hinblick auf andere Thesen zur Sprachentstehung nicht schlüssig.

Ein paar Anmerkungen:

  • Die Klausur wurde nicht speziell fürs Web aufgearbeitet, Zeilenangaben wurden einfach ersatzlos herausgenommen.
  • Die Lehrerkorrekturen- und Anmerkungen wurden in der hier erschienen Fassung ebenfalls kaum berücksichtigt
  • Die Klausur ist laut Kommentar wenig differenziert und teilweise nicht immer im korrekten Zusammenhang
  • Die Analyse hätte genauer auf die Begriffe „Reflexion“ & „Sprache“ eingehen müssen.