Kurzgeschichte: Das sozialistische Siegel

Ursprünglich ist der folgende Text für ein Literaturprojekt entstanden, wurde jedoch nie in irgendeiner Form verwendet oder veröffentlicht – und soll mit diesem Beitrag wenigstens der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Von der Kurzgeschichte gibt es auch ein „gedrucktes Heft“, das Cover zeigt den Schriftzug „das sozialistische Siegel“ neben einem echten Wachssiegel.

Hinweis: Orte und Personen sind erfunden. Es bestehen keine Zusammenhänge zu real existierenden Personen, Gebäuden, Institutionen oder Orten.

Das sozialistische Siegel

„Nächster Halt: Straße der Nationen – Freie Presse“, quäkte es aus den Lautsprechern der Bahn. Joanne richtete sich auf und huschte mit Max an einer Eisdiele vorbei, über die Ampel. Gerade in die Richtung, in der die Stadthalle lag.

Joanne hatte eine auf zwei Jahre befristete Stelle als Polizistin erhaschen können. Ein Grund, um mal so richtig zu feiern, meinte Max und so waren die beiden dann auch in die Stadthalle gegangen. Drinnen war nicht gerade viel los, Techno-Beats dröhnten aus den Lautsprechern die um die Leninstatue herum aufgestellt waren, vereinzelt hatten sich kleinere Gruppen gebildet. Selbst der Mann hinter der Cocktailbar hatte nicht viel zu tun und kramte recht lustlos in der Kasse herum. „Ob der nicht in seine eigene Tasche wirtschaftet?“, fragte Max und schubste dabei Joanne leicht zur Seite. „… selbst wenn – so unterbezahlt, wie die meisten hier sind …“, nuschelte Joanne.

„…Gelangweilt wie immer, stimmt’s?“, meinte Ron und gesellte sich zu den beiden. „By the way – wie war dein erster Tag bei der Polizei? Was musstest du machen? Schon Schwerkriminelle interviewt“, die Worte quollen nur so aus ihm hinaus und er setzte sogleich ein „erzähl doch mal“ hinten dran. Joanne, die bis jetzt mehr oder weniger gelangweilt an ihrem Cuba libre genippt hatte, wusste nicht recht, was sie antworten sollte. Bisher hatte sie sich ihren Kollegen vorgestellt, ein paar Akten sortiert und das erste Protokoll getippt. „Richtig – das Protokoll“, dachte sie und versuchte sich verzweifelt an den genauen Inhalt zu erinnern … Sie hatte mit allerlei Formalien zu kämpfen gehabt, während sie von Christian, dem Polizisten mit dem Dreitagebart, die Daten aufnahm, diese versehentlich in genau die falschen Felder eintrug und am Ende, das Ganze unzählige Male überarbeiten musste.

Der Inhalt schien ihr recht trivial. „Ich musste ein Protokoll schreiben“, meinte sie betont lapidar und nahm erneut einen großen Schluck ihres Drinks. „Es ging um einen Einbruch bei irgendeinem Lokalpolitiker, es wurde nichts gestohlen – außer einer Violine“, setzte sie hinzu, als die beiden Jungs sie fragend ansahen. „Und was macht ihr jetzt?“, fragte Ron mehr aus Höflichkeit als aus ehrlichem Interesse. „Keine Ahnung. Ich schreib im Moment nur die Protokolle. Vermutlich landet so was eher schnell im Archiv. Es wurde niemand verletzt, trotzdem wurde ein Team losgeschickt um nach eventuellen Einbruchsspuren zur suchen. Das muss ich aber erst Montag protokollieren und in die richtige Form bringen.“

„Sonst nichts Neues?“, erkundigte sich Ron. „Nein sonst nichts Neues. Wirklich.“, Joanne schien etwas genervt. Dabei dachte sie eigentlich an die Worte des Polizisten, dessen Namen sie sich immer noch nicht gemerkt hatte. So sollte der Lokalpolitiker ziemlich rau sein, alt und ein mentales Überbleibsel der Stasi.

„Wie auch immer – ein Hoch auf die Bürokratie!“, setzte Max an, riss Joanne aus ihren Gedanken und erhob sogleich sein Glas. „Ein Hoch auf Joannes neuen Job“, meinte Ron und Joanne stieß mit den beiden an.

Der Abend verlief, so wie er verlaufen sollte, Joanne traf alte Bekannte, einige ihrer neuen Arbeitskollegen und bei dem einen oder anderen, der sie ansprach, und nach ihrem neuen Job fragte, fragte sie sich, woher sie denjenigen überhaupt kannte, die sich da nach dem ersten Arbeitstag erkundigten. Von einem bekam sie mit den Worten „bin vor zwei Wochen umgezogen“ eine Visitenkarte zugesteckt. Ein Mädchen dessen Gesicht ihr nur flüchtig bekannt vorkam murmelte irgendetwas das sich nicht gerade freundlich anhörte, doch die Musik verschluckte die Worte.

Doch dann kam es, wie es kommen musste. Einige Drinks und einige aufgezwungene Gespräche später, machte sich Joanne mit Max auf dem Weg aus der Stadthalle zur Haltestelle. In einigen Minuten sollte der Zug kommen. Geld für ein Taxi konnte sie ohnehin keins ausgeben, nach einiger Zeit „rumhängen“ und ein paar eher schlechten Praktika hatte sie zwar die Namen einiger bekannten Unternehmen in der Bewerbung stehen, nur ging ihr Wissen fast nie über das klischeehafte Kaffeekochen und das Ordnen und Aufbereiten von Akten hinaus. So war auch ihr Konto immer nur knapp über null geblieben und eigentlich hätte sie auch bei den Cocktails sparsamer sein müssen.

02:08 zeigte inzwischen Max Digitaluhr mit ihren leuchtend-roten Ziffern an. „Mensch – wann kommt die Bahn endlich?“, meinte Joanne und man merkte ihr an, dass Sie nicht nur aus finanziellen Gründen hätte sparsamer beim Cocktailkonsum sein sollen. Max prüfte erneut den Plan: „02:02 steht hier“. „Glaubst du die Bahn, kommt noch?“ – „Eher nicht“.

„Na super – dann darf ich jetzt nach Bernsdorf laufen. Klasse. Das hat mir echt noch gefehlt.“ „Nun etwas Bewegung hat noch nie jemanden geschadet“, murmelte Max, der kein Verständnis für Joannes Nörgeleien zeigen mochte. „Ach, wenn es dich nicht stört, kannst du ja mitkommen“,meinte Joanne obwohl sie genau wusste, dass Max nur zwei Straßen weiter wohnte und nie auf die Idee kommen würde sie nach Bernsdorf zu begleiten. „Wenn du meinst …“. Damit hatte Joanne nun wirklich nicht gerechnet, doch irgendwie vermittelte es ihr ein Gefühl von Ruhe, dass Max sie begleiten wollte.

Joanne ging schnellen Schrittes, immer vorsichtig und sah sich ab und an zu den Seiten um. Doch die Straßen waren wie üblich leer. So fiel ihr Blick auf eines der Straßenschilder. Neue-Ernst-Enge-Str.-Str. allesamt größere Einfamilienhäuser, große Vorgärten, alle einzeln abgezäunt, viele zusätzlich mit einer kleinen Hecke. Nichts Besonderes. Doch der Name. Ernst-Enge – irgendwie kam ihr der Name mehr als nur bekannt vor. Doch zuordnen konnte sie ihm nichts.

Max war nach einigen hundert Metern doch zu sich nach Hause gegangen. Sein Versprechen sollte ein Versprecher gewesen sein.

„Radio Chemnitz – News. Immer 10 Minuten früher informiert sein, zu jeder Stunde immer um 10 vor. Hier ist der Hitvormittag für Chemnitz. Wir haben folgende Nachrichten, jetzt hier im Überblick.“
Schlaftrunken blickte Joanne auf. 8:50 schon wieder diese tiefroten Ziffern, die ihr Wecker blinkend darstellte. Müde fand sie den Knopf, um den Alarm auszustellen.

Wie war sie hier hergekommen? Das letzte woran sie sich erinnern konnte, war, dass sie ganz alleine auf der Neue-Ernst-Enge-Straße gestanden hatte. Vermutlich hatte sie einfach zu viel getrunken und hatte es nur mit letzter Mühe geschafft weiterzugehen und ins Bett zu kommen. Ja, genau so musste es gewesen sein. Sie war einfach etwas angetrunken und war dann spät nach Hause gekommen.
Doch wieso hatte sie ihren Wecker auf 8:50 gestellt? Wieso hatte sie ihren Wecker überhaupt gestellt und war sie wirklich direkt nach Hause gegangen?

Joanne konnte eigentlich ausschlafen, wie jeden Samstag. Normalerweise stellte sie sich am Wochenende nie den Wecker, erst recht nicht auf 8:50. Komische Zeit dachte sie und ließ sich auf die weiche Matratze zurückfallen. Zwischen ihren Gedanken hämmerte es dumpf in ihrem Kopf, was sich allmählich zu starken Kopfschmerzen formte. Ein Kater – na super. Das hatte sie sich anders vorgestellt. Einfach ein paar Leute wiedertreffen, ein wenig Feiern und sich von allen Seiten zum neuen Job beglückwünschen lassen. Stattdessen war das Ganze ein wenig einseitig geworden, so erinnerte sie sich mühselig. Dann noch der neue Job und immer wieder diese Fragen über das lächerliche Protokoll. Lächerlich, wirklich lächerlich dachte Joanne und nüchterte sich aus und ging schließlich am Abend wieder feiern. Doch diesmal konnte sie sich am Tag danach an kaum noch etwas erinnern. Wieder erschlugen sie am Morgen die Kopfschmerzen. Der Wecker blieb diesmal still. Doch auf dem Nachtisch lag ein kleines Metallstück, nicht besonders scharf, aber immerhin schaffte es Joanne sich an dem Stück zu schneiden, als sie versuchte, es genauer zu betrachten. Woher sie das schon wieder hatte und wie es hierher gelangt war? Ihr wurde ein wenig mulmig bei dem Gedanken, dass sie fast ein ganzes Wochenende lang einen Filmriss hatte.

Am Montag kam Joanne in ein hektisches Bürotreiben herein. „Was ist denn hier los?“, fragte Joanne verwirrt den Polizisten mit dem Dreitagebart. Dieser legte gerade den Telefonhörer beiseite und fing mit ein paar Erklärungen an, „das ist heute das komplette Chaos. Übers Wochenende wurde in unzählige Wohnungen eingebrochen, meist einfach Fenster eingeschlagen. Das Seltsamste: Es wurde fast immer irgendetwas mitgenommen, das für Einbrüche absolut untypisch ist. Hier zum Beispiel, die Arztpraxis in der Neue-Ernst-Enge-Str. 66 – da wurde ein Fenster eingeschlagen und nur ein billiger Kunstdruck mitgenommen. Oder aus einer Musterwohnung in der Neue-Ernst-Enge-Str. 28 – wurde ein Klavier gestohlen. Ich frage mich ernsthaft was die Nachbarn gemacht haben, wenn man einfach in mehrere Wohnungen einbrechen kann und alles mögliche mitgehen lassen kann. Ist übrigens alles zwischen Freitagabend und Sonntag passiert und auch alles in der Neue-Ernst-Enge-Straße oder in der Nähe“. Mit einem Lächeln fügte der Polizist, „also ich möchte nicht da wohnen“, hinzu.

„Wie viele Fälle gibt es denn?“, fragte Joanne jetzt mit ihrem geschäftlichen Ernst, die inzwischen den Rechner hochgefahren hatte und sich daran gemacht hatte zwei neue Fälle anzulegen, einen für die Arztpraxis und einen für die Musterwohnung.

„Viele. Ich hab da nicht den Überblick. Hier sind meine Stichpunkte zu den einzelnen Anzeigen, die ich bisher aufgenommen habe. Gerd hat übrigens auch noch ein paar Anzeigen aufgenommen, das ist übrigens der etwas ältere Mann mit der Brille, dort drüben“. Joanne ließ sich nicht anmerken, wie sehr sie für den Hinweis dankbar war, so brauchte sie sich nicht lächerlich machen. Sie hatte kaum einen Namen am ersten Tag behalten können. So nuschelte sie schließlich ein unverständliches Danke und tippte die Stichpunkte von dem Polizisten weitestgehend ab, trug sie in die entsprechenden Formularfelder ein und vervollständigte das eine oder andere. Erst nachdem ihre Mittagspause schon seit einer Stunde überfällig war, wurde sie mit der Arbeit fertig und holte sich von Gerd die nächsten Fälle, währenddessen bekam sie von dem Polizisten, laufend neue Informationen, die sie nachtragen musste. Gleichzeitig sollte sie immer wieder zum Labor um neue Berichte zu holen, diese dann zum Teil in die Datenbank einarbeiten, zum anderen brauchten Gerd und der andere Polizist die Informationen auch selbst erst einmal, um weiterarbeiten zu können.

Das war an sich recht langweilig, doch die Dinge die Joanne eintippte ließen ihr selbst keine Ruhe. So wollte eine Anwohnerin am Samstag gegen 02:30 ein junges Pärchen gesehen haben. Hatte die Anwohnerin etwa Max und sie gesehen und waren sie deshalb jetzt vermeintlich verdächtig, in all‘ diese Häuser eingebrochen zu haben? War sie überhaupt noch um 02:30 mit Max zusammen unterwegs gewesen? Der hatte sich doch recht schnell wieder abgesetzt – oder nicht?

Joanne kamen Zweifel über die Nacht auf. Die nächsten Tage schlief Joanne schlecht, war ihren Kollegen gegenüber regelrecht gereizt und hatte schon aus Tollpatschigkeit schon zwei Kaffeetasse zerbrechen lassen, als ein besorgter Kollege sich freundlich und gelassen, nach ihrem Zustand erkundigte.

Die nächsten Wochen verliefen verdächtig ruhig. Die gemeldeten Straftaten gingen wieder auf ein normales Maß zurück, was alles in allem eigentlich kein Glück für Joanne war. Sie hatte mehr freie Zeit und machte jeden Tag auf die Minute pünktlich Schluss – doch in jeder Minute, in der sie nicht beschäftigt war, dachte sie an die Nacht. Was war dort passiert? War sie in die ganze Sache verwickelt und hatte im Vollrausch alles vergessen?

Es kam alles, wie es kommen musste. Während Veränderungen für gewöhnlich nur langsam von statten gehen, so veränderte sich die Lage für Joanne auf einen Schlag. Plötzlich war die Beziehung mit Max auseinander gegangen, plötzlich war sie nicht mehr nur für Protokolle zuständig – sondern war schon ein paar Mal auch außerhalb eingesetzt worden – und ohne eine Vorwarnung ging ihr Handy von dem einen auf den anderen Tag nicht mehr.

„Na – Sie haben auch nicht gerade wenig von der Telefonitis abbekommen. Der Speicher ist einfach nur voll gewesen und das hat die Software des Handys dann nicht mehr verkraftet.“, mit einem Lächeln fügte der Mann „hätte meiner Tochter auch passieren können“ hinzu – den verdutzten Blick Joannes erwidernd. „Telefonitis?“ – „Ja, Sie haben so viele Einträge in der Anrufliste gehabt. Passiert schon mal. Können Sie sich in Ruhe zu Haus‘ anschauen. Die Einträge der letzten drei Wochen sind noch drin. Sind aber immer noch viele …“

Joanne nickte freundlich, bedankte sich und ging davon. Dennoch schien sie alles in allem regelrecht regungslos. Viele Anrufe hatte sie nicht gemacht, dachte sie. Jedoch da fiel es ihr wieder ein. Hatte sie nicht an dem einen Abend doch noch ein Taxi nach Hause genommen. War ihr nicht so elend zumute gewesen? Hatte sie an dem Abend das Gefühl gehabt, in Chemnitz alle Taxiunternehmen angerufen zu haben – und keines schien zu der Zeit ein Taxi in der Nähe zu haben? Wollte nicht zuerst schon das erste Taxi-Unternehmen kommen – und sie hatte Ewigkeiten in der Dunkelheit gewartet, bis sie schließlich einfach ein paar andere Taxiunternehmen angerufen hatte.
„Ja gewiss – so musste es gewesen sein“, sprach Joanne halb laut zu sich selbst und kramte in einer Schublade nach dem Akkuladegerät, wobei sie sich durch verhedderte Kabel durchkämpfte und schließlich sogar das Gerät fand. Irgendwie hatte sie es geschafft bei ihrer Aktion, den ganzen Inhalt der Schublade, auf dem Boden auszubreiten.

„Natürlich – wie konnte ich bloß so dumm sein“. Ihr Blick fiel auf den Elektro-Baukasten, auf dem groß „MADE IN GDR“ prangte. Klar – der stumpfe Gegenstand, das war aus dem Elektrobaukasten, wie oft hatte ihr Vater da Sachen mit eingebaut, die eigentlich gar nichts mit Elektronik zu tun hatten. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Sie war vielleicht den Abend nicht bei Sinnen gewesen, einen absoluten Filmriss hatte sie aber dennoch nicht und es erschien ihr als erschlugen sie die Eindrücke des Abends, die bisher so fern erschienen. Disco, Dunkelheit, Drinks – eine üble Mischung. Immer wieder tauchten die Worte um sie herum auf, sich abwechselnd mit Neue-Ernst-Enge-Straße, doch einen Reim darauf machen, konnte sie sich nicht.

Sie schwelgte noch eine Weile in ihren Gedanken, bevor sie sich wieder auf den Weg zum Büro machte. Dort erwartete sie sogleich ihr erster Auftrag:
„Joanne. Da bist du ja endlich, bist spät dran. Wir haben da eine Frau mehr oder weniger aufgegabelt, die nur etwas von Neue-Ernst-Enge-Str. von sich gibt und was von einem großen Skandal. Deine Kollegin wurde nicht so richtig schlau aus ihr. Versuch mal ob du was Handfestes aus ihr herausbekommst. Ich muss jetzt dann auch los …“.
Der Puls von Joanne war sprunghaft angesprungen. Da war es wieder, dieses dumpfe Gefühl. Mit schwankenden Beinen ging Joanne zu dem besagten Raum. Dort saß eine Frau vor einer Tasse heißen Kaffees und schaute recht erwartungsvoll auf.

„So – Sie sind also?“, setzte Joanne an. „Maria Serwen“, ergänzte die ältere Frau sofort und fing sogleich an zu erzählen. Joanne fiel es schwer zuzuhören. Die Frau, die kurz vor ihrer Rente zu stehen schien, schilderte – wie Joanne es empfand – ihren gesamten Lebensverlauf und mischte diesen mit ein paar netten Anekdoten aus der Nachbarschaft.
„Doch dann dieses komische Geschehen, an dem Freitag. In der Praxis – das gestohlene Gemälde, in dem gegenüberliegenden Haus das gestohlene Klavier. Keiner will was gesehen haben. Doch ich sage Ihnen was – die stecken alle unter einer Decke, dieses alte Stasi-Pack. Denen glaubt doch hoffentlich niemand ernsthaft. Wer stiehlt schon ein Klavier, wenn er Schmuck klauen kann? Einbrüche – da wollte nur jemand denen mal Angst machen. Die werden so einigen Dreck am Stecken haben. Einigen … und die Meier, letzte Woche mit ihrer zweijährigen Tochter, die hat mich letztens so komisch angeschaut und das macht die sonst nicht, sonst lächelt die, immer wenn die mich denn dann so sieht und da …“.
Joanne hörte nicht mehr zu. „Die stecken alle unter einer Decke, dieses alte Stasi-Pack“, die Worte wollten Joanne nicht mehr aus dem Kopf gehen. War das vielleicht wirklich ein erster Hinweis auf einen möglichen Tatbestand? Je mehr Joanne nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien ihr alles. Ob die ganzen Nachbarn wirklich unter einer Decke stecken sollten, war alles andere als abwegig. Schließlich schienen sich alle untereinander erstaunlich gut zu kennen. Doch die Einbrüche – sie machten einfach keinen Sinn. Die Versicherungen zahlten zwar für die Schäden, aber die Gegenstände, die entwendet worden waren, waren einfach keine typischen Beutestücke. Billige Nachdrucke, ein Klavier und verschiedene alte Sammlungen von Briefmarken bis zu unbedeutenden Akten.

„Die Alte hatte einfach mal wieder Langeweile und wollte wahrscheinlich mal raus aus dem Alltagstrott. Die wollte einfach jemanden haben, der ihr mal zuhört“, Christian schwieg. Joanne tat es ihm gleich. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte – seit Tagen war sie nicht mehr so froh gewesen. Zumal sie sich jetzt im Klaren darüber war, das sie einfach nichts mit dem Ganzen zu tun haben konnte. Sie war einfach gar nicht mehr in der Lage gewesen, um die Uhrzeit irgendwo einzubrechen und sie musste sich zu ihrer Schande eingestehen, dass sie bis vor einigen Tagen noch das Gegenteil für möglich gehalten hätte. Weshalb sie sich nicht mehr für verdächtig hielt, konnte sie selbst gar nicht sagen. Das Gespräch mit Frau Serwen hatte sie auf eine Art beruhigt, die sie nicht beschreiben konnte.

Doch Joanne – war sie nicht als sie von der Schule abging in alte Industriebauten eingebrochen, die nach der Wende stillgelegt worden waren? Da hatte man schon so einiges angestellt – aber geraubt? Nein – das hätte sie nie gewagt. Es war lächerlich, dass sie sich selbst verdächtigt hatte. Aus irgendeinem Grund hatte sie vor lauter Selbstverdächtigungen die einzelnen Fälle gar nicht mehr richtig geprüft.

Zeit – dies endlich zu ändern. Durch ihre Beruhigung angespornt machte Joanne sich an die Arbeit, las sich jeden Fall nochmals durch. Doch nichts erschien ihr besonders neu. Alle Fälle in der Neue-Ernst-Enge-Str. oder um die Straße herum, alles recht triviale Dinge die gestohlen wurden, alles Einfamilienhäuser mit wenigen Ausnahmen, Bestohlene/Opfer sind alle um die 40 – 55 Jahre alt.

Aber natürlich? Warum denn nicht sofort – Joanne fragte sich selbst wie sie nur so dumm sein konnte. Ob es wirklich so offensichtlich war. Sie war sich unsicher und kam sich kindisch vor. Neue-Ernst-Enge-Straße, zu Sowjet-Zeiten als Symbol für die antifaschistische DDR, war eigentlich nur SED-Funktionären und ein paar Stasi-Angestellten vorbehalten gewesen. „Die stecken alle unter einer Decke, dieses alte Stasi-Pack“ – wieder fielen ihr die Worte ein. Stasi-Pack – war das möglich? Sollten etwa in den Häusern noch immer die ehemaligen Parteikader und Stasi-Funktionäre wohnen? Je mehr sie darüber nachdachte, desto weniger schien sie zu wissen. Möglich war es alle mal. Auch nach der Wende hatte sich nicht alles von Grund auf geändert. Nur, was wäre, wenn sie das mit Sicherheit wüsste, was könnte sie damit anfangen?

Sie schaute hilfesuchend auf ihre rings um sie ausgebreiteten Akten. Tatzeit: Verreist, ausgegangen, bei Freunden – Beruf: Sachbearbeiterin, Buchhalter, Wirtschaftsprüfer, Sekretär. Kein Hinweis schien nur der Notiz wert. „Irgendwas muss einen doch weiterbringen“, meinte Joanne zu sich selbst und starrte wie gebannt auf die mit schwarzer Tinte bedruckten Zettel.
Die Berufe waren anscheinend der Inbegriff von Langeweile. Alles Verwaltungsposten – die langweilen sich vermutlich wirklich alle zu Tode, so wie es Chris bei der alten Frau Serwen vermutet hatte.

Joanne kam zu keinem Ergebnis. Die folgenden Tage verbrachte sie mit unzähligen Befragungen. Einmal stattete sie sogar einen älteren Herrn einen Besuch ab, der in der Neue-Ernst-Enge-Straße wohnte – nachdem sie diesen auf der Straße angesprochen hatte. Dieser wohnte schon laut eigenen Aussagen recht lange in der Straße. Doch etwas Ungewöhnliches sei ihm nicht aufgefallen, in der besagten Nacht. Jedoch sei die Nachbarschaft in letzter Zeit immer gereizt gewesen – zu wenig Miteinander. Das Haus des älteren Herrn stellte sich als sozialistische Musterwohnung heraus. Bilder von Tschernenko und anderen Ost-Politikern hingen an der Wand, Marx‘ Manifest lag auf dem Couchtisch und auch der Rest der Einrichtung schien von dem Einzug des Kapitalismus und des Fortschritts weitgehend verschont geblieben zu sein. Selbst der Fernseher schien bestenfalls noch als Museumsstück tauglich.
Der Mann verhielt sich recht bedeckt, komisch seien die Nachbarn in der letzten Zeit gewesen, dabei wären die meisten über Jahrzehnte Arbeitskollegen gewesen. Doch jetzt wären sie immer gestresst, wären wenig miteinander unterwegs gewesen, obwohl sie sonst immer die ganzen Jahre zusammen vieles unternommen hätten.

Joanne wusste nicht wie sie die Aussagen zu der Nachbarschaft zu deuten hatte. Hier und da schien ein kleiner Streit zwischen einzelnen Nachbarparteien gewesen zu sein, alles in allem schien jedoch nichts Handfestes da zu sein. Joanne verabschiedete sich rasch und dachte nach.

Arbeitskollegen – der alte Mann hatte es nur so nebenbei erwähnt. Je weiter sie darüber nachdachte, kam ihr der Bericht von Frau Serwen bedeutsamer vor. Die Nachbarschaft schien wirklich ausschließlich aus ehemaligen Stasi-Funktionären, ehemaligen Musterkommunisten und Parteikadern zu bestehen.

Doch steckten die wirklich alle unter einer Decke? Selbst wenn es sich um Versicherungsbetrug handeln sollte, schien die Sache geradezu lächerlich und auch auf eine Art und Weise seltsam, die Joanne so gar nicht gefallen wollte.
Versicherungsbetrug schien für Joanne außen vor. Zu lächerlich bei den entwendeten Dingen. Doch um was handelte es sich dann.

Joanne klatschte sich vor den Kopf. Sie war so dumm gewesen. Es hatte niemand etwas stehlen wollen – man hatte nur nach etwas Bestimmten gesucht. Die ganzen Nachbarn waren ehemals bei SED/Stasi und anderen wichtigen Steuerungsgrößen angestellt. Da war es nicht unwahrscheinlich, ja geradezu vorherbestimmt, dass auch sie in die großen DDR-Skandale verwickelt waren. Es hatte wohl jemand nach Beweisen für so etwas gesucht. Doch wer? Ein Opfer von einem der Skandale?

Wieder im Büro erzählte sie Christian ihre Gedanken. Doch der meinte nur, dass dies ja sehr gut möglich wäre, aber nichts beweisen würde. Schließlich würden jetzt nur noch 99% der ehemaligen DDR-Bevölkerung als mögliche Täter in Frage kommen. Haben ja alle unter den Parteikadern gelitten.

Das Gespräch war zwecklos. Christian war alles andere als bereit sich auf ihren Verdacht hin nur einen Handschlag zu machen. Joanne wusste nicht so recht, was sie jetzt machen sollte.

Die Wochen vergingen. Inzwischen war der Fall so gut wie zu den Akten gelegt und Joanne bekam neue Fälle. Da war jemand bedroht worden, Einfamilienhäuser wurden mit Graffiti verschandelt – die Fälle waren nichts Besonderes. Obwohl Joanne eine unerfahrene Polizistin war, meisterte sie ihren Job zu erstaunen ihrer Kollegen, unheimlich gut. Sie löste die Fälle schnell, tadellos und zielstrebig. Sie schwebte auf einer Erfolgswolke.
Nichts desto trotz war Joanne unzufrieden. Der erste richtige Fall – blieb ungelöst.
Ihren Erfolg wollte sie dennoch feiern. „Nächster Halt: Straße der Nationen – Freie Presse“, quäkte es wieder aus den Lautsprechern der Bahn und Joanne horchte auf als hörte sie den Namen der Haltestelle zum ersten Mal hören würde. „Freie Presse – natürlich“, war es nicht offensichtlich?
Joanne blieb sitzen und ging nicht wie geplant zur Stadthalle. Sie fuhr mit der Bahn wieder zurück und stieg schlussendlich nahe der Neue-Ernst-Enge-Straße aus. Inzwischen war es dunkel geworden, die Straßenlaterne vor ihr flackerte stark und so ging sie raschen Schrittes zu der Arztpraxis. Die war ohnehin zu dieser Stunde nicht mehr besetzt. Vor dem Eingang blieb Joanne stehen. Der Keller des Hauses verband das Haus mit dem nächsten Haus. Joanne war zwar noch in keinem der Häuser gewesen, hatte es aber diesen ungewöhnlichen Grundriss bei ihren Ermittlungen im Stadtarchiv gesehen.

Laut Arzt lägen da nur alte Akten, die ohnehin niemanden interessieren würden. Doch genau die interessierten Joanne mit ihrer ungewöhnlichen Intuition und Spontanität nun. Sie kramte in ihrer Tasche und holte ihren Schlüsselbund hervor. Kaum größer als ein kleiner Laserpointer, war ein kleines metallenes Stäbchen, mit dem Joanne die alte Tür zu öffnen versuchte. Mit einem Mal klickte es und die Tür war offen.

Drinnen wurde ihr erst klar, was sie gemacht hatte. Sie war wieder dabei einzubrechen. Hatte sie sich nicht vorgenommen, nie wieder einzubrechen? Sie hatte alles aufs Spiel gesetzt – ihren Arbeitsplatz, ihr neues Leben – doch jetzt gab es kein zurück mehr. Joanne schloss die Tür leise und behutsam und versuchte sich an die Dunkelheit zu gewöhnen.

Langsam ging sie auf der Suche nach dem Keller durch die Räume. Ein Mann ging direkt an der Arztpraxis vorbei – schaute nach links, dann nach rechts und ging schließlich auf die andere Straßenseite. Joanne atmete auf und bewegte sich langsam zu dem einzigen noch verbleibenden Raum. Dieser hatte eher die Größe einer Abstellkammer und stellte sich auch als solche heraus. Allerdings befand sich am Boden auch eine kleine Luke. Joanne hatte nichts anderes erwartet, hatte aber schon Angst gehabt, der Keller wäre zugemauert worden.

Sie klappte die Luke hoch und ging die knarrenden Treppenstufen nach unten. Der Keller war weitestgehend leer, soweit sie das sehen konnte. Joanne durchstreifte den Raum mit ihrem Laserpointer und fand schließlich den Lichtschalter. Das Licht flackerte leicht aber erhellte den Raum merklich.

In einer Ecke stand ein großes aber fast leeres Regal, in einer anderen ein paar Geräte, von denen Joanne vermutete, dass sie von der Praxis ausgemustert wurden. Joanne war ratlos. Sie wusste nicht genau, was sie erwartet hatte – doch jetzt war sie enttäuscht. Sie zog eine der wenigen Akten hervor und fing an zu lesen.

Maria Serwen – Parteifeindliche Aktivitäten. Geplantes Vorgehen: Versetzen des Postens des Ehemanns, kleinen Sohn isolieren, Freunde der Familie besonders stark beobachten.

Christiane Gutrun – Parteifeindliche Aktivitäten. Geplantes Vorgehen: Einweisung des Sohns in die psychiatrischen Anstalten, Freunde unter besondere Beobachtung stellen.

Patrick Kramer – Parteifeindliche Aktivitäten. Geplantes Vorgehen …

Joanne hörte auf zu lesen, ihr Herz pochte. Hatte sie da ein Geräusch gehört. Sie lauschte angestrengt. Nichts. Sie steckte die Akten, die allesamt mit einem roten Siegel versehen waren, in ihre Tasche und verschwand.

„Der Fall ist so gut wie gelöst“, rief Joanne mit einem überlegenen Lächeln und trat am Montag ins Büro. Doch statt der erwarteten, neugierigen Gesichter schaute nur Christian schlaftrunken auf und sagte: „Wissen wir. Johannes Grann, der Arzt in der Neue-Ernst-Enge-Straße, hat heute Morgen alles gestanden. Akten wurden unterschlagen, um eventuellen Prozessen aus dem Weg zu gehen. Wenn du einmal pünktlich gekommen wärst – hättest du das mitbekommen.“

„Wer hat denn eingebrochen?“, fragte Joanne jetzt selbst völlig neugierig.

„Ja eins der Opfer wird vermutlich geahnt haben, wer sein Leben zerstört hat“, meinte Christian lapidar und Joanne war auf einmal gar nicht mehr so wild darauf, zu erfahren wer denn nun versucht hat, die Akten zu finden. Jetzt war sie wirklich zufrieden. Sie wusste, dass wenn die Akten nicht entwendet worden wären, wäre es nie zu einem Geständnis gekommen. Ihre Menschenkenntnis hatte sie nicht getäuscht. Zu verkrampft hatte der Arzt mit ihr versucht zu sprechen.
Sie sollte öfter aus ihrem Gefühl heraus handeln, so nahm sie es sich wenigstens vor.