Ursprünglich ist der folgende Text für ein Literaturprojekt entstanden, wurde jedoch nie in irgendeiner Form verwendet oder veröffentlicht – und soll mit diesem Beitrag wenigstens der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Von der Kurzgeschichte gibt es auch ein “gedrucktes Heft”, das Cover zeigt den Schriftzug “das sozialistische Siegel” neben einem echten Wachssiegel.
Hinweis: Orte und Personen sind erfunden. Es bestehen keine Zusammenhänge zu real existierenden Personen, Gebäuden, Institutionen oder Orten.
Das sozialistische Siegel
„Nächster Halt: Straße der Nationen – Freie Presse“, quäkte es aus den Lautsprechern der Bahn. Joanne richtete sich auf und huschte mit Max an einer Eisdiele vorbei, über die Ampel. Gerade in die Richtung, in der die Stadthalle lag.
Joanne hatte eine auf zwei Jahre befristete Stelle als Polizistin erhaschen können. Ein Grund, um mal so richtig zu feiern, meinte Max und so waren die beiden dann auch in die Stadthalle gegangen. Drinnen war nicht gerade viel los, Techno-Beats dröhnten aus den Lautsprechern die um die Leninstatue herum aufgestellt waren, vereinzelt hatten sich kleinere Gruppen gebildet. Selbst der Mann hinter der Cocktailbar hatte nicht viel zu tun und kramte recht lustlos in der Kasse herum. „Ob der nicht in seine eigene Tasche wirtschaftet?“, fragte Max und schubste dabei Joanne leicht zur Seite. „… selbst wenn – so unterbezahlt, wie die meisten hier sind …“, nuschelte Joanne.
„…Gelangweilt wie immer, stimmt’s?“, meinte Ron und gesellte sich zu den beiden. „By the way – wie war dein erster Tag bei der Polizei? Was musstest du machen? Schon Schwerkriminelle interviewt“, die Worte quollen nur so aus ihm hinaus und er setzte sogleich ein „erzähl doch mal“ hinten dran. Joanne, die bis jetzt mehr oder weniger gelangweilt an ihrem Cuba libre genippt hatte, wusste nicht recht, was sie antworten sollte. Bisher hatte sie sich ihren Kollegen vorgestellt, ein paar Akten sortiert und das erste Protokoll getippt. „Richtig – das Protokoll“, dachte sie und versuchte sich verzweifelt an den genauen Inhalt zu erinnern … Sie hatte mit allerlei Formalien zu kämpfen gehabt, während sie von Christian, dem Polizisten mit dem Dreitagebart, die Daten aufnahm, diese versehentlich in genau die falschen Felder eintrug und am Ende, das Ganze unzählige Male überarbeiten musste.
Der Inhalt schien ihr recht trivial. „Ich musste ein Protokoll schreiben“, meinte sie betont lapidar und nahm erneut einen großen Schluck ihres Drinks. „Es ging um einen Einbruch bei irgendeinem Lokalpolitiker, es wurde nichts gestohlen – außer einer Violine“, setzte sie hinzu, als die beiden Jungs sie fragend ansahen. „Und was macht ihr jetzt?“, fragte Ron mehr aus Höflichkeit als aus ehrlichem Interesse. „Keine Ahnung. Ich schreib im Moment nur die Protokolle. Vermutlich landet so was eher schnell im Archiv. Es wurde niemand verletzt, trotzdem wurde ein Team losgeschickt um nach eventuellen Einbruchsspuren zur suchen. Das muss ich aber erst Montag protokollieren und in die richtige Form bringen.“
„Sonst nichts Neues?“, erkundigte sich Ron. „Nein sonst nichts Neues. Wirklich.“, Joanne schien etwas genervt. Dabei dachte sie eigentlich an die Worte des Polizisten, dessen Namen sie sich immer noch nicht gemerkt hatte. So sollte der Lokalpolitiker ziemlich rau sein, alt und ein mentales Überbleibsel der Stasi.
„Wie auch immer – ein Hoch auf die Bürokratie!“, setzte Max an, riss Joanne aus ihren Gedanken und erhob sogleich sein Glas. „Ein Hoch auf Joannes neuen Job“, meinte Ron und Joanne stieß mit den beiden an.
Der Abend verlief, so wie er verlaufen sollte, Joanne traf alte Bekannte, einige ihrer neuen Arbeitskollegen und bei dem einen oder anderen, der sie ansprach, und nach ihrem neuen Job fragte, fragte sie sich, woher sie denjenigen überhaupt kannte, die sich da nach dem ersten Arbeitstag erkundigten. Von einem bekam sie mit den Worten „bin vor zwei Wochen umgezogen“ eine Visitenkarte zugesteckt. Ein Mädchen dessen Gesicht ihr nur flüchtig bekannt vorkam murmelte irgendetwas das sich nicht gerade freundlich anhörte, doch die Musik verschluckte die Worte.
Doch dann kam es, wie es kommen musste. Einige Drinks und einige aufgezwungene Gespräche später, machte sich Joanne mit Max auf dem Weg aus der Stadthalle zur Haltestelle. In einigen Minuten sollte der Zug kommen. Geld für ein Taxi konnte sie ohnehin keins ausgeben, nach einiger Zeit „rumhängen“ und ein paar eher schlechten Praktika hatte sie zwar die Namen einiger bekannten Unternehmen in der Bewerbung stehen, nur ging ihr Wissen fast nie über das klischeehafte Kaffeekochen und das Ordnen und Aufbereiten von Akten hinaus. So war auch ihr Konto immer nur knapp über null geblieben und eigentlich hätte sie auch bei den Cocktails sparsamer sein müssen.
02:08 zeigte inzwischen Max Digitaluhr mit ihren leuchtend-roten Ziffern an. „Mensch – wann kommt die Bahn endlich?“, meinte Joanne und man merkte ihr an, dass Sie nicht nur aus finanziellen Gründen hätte sparsamer beim Cocktailkonsum sein sollen. Max prüfte erneut den Plan: „02:02 steht hier“. „Glaubst du die Bahn, kommt noch?“ – „Eher nicht“.
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